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Chinesische Direktinvestitionen in Europa 2019: Sinkende Investitionen, engere Verflechtungen und neue Bedenken

Neue Studie von Rhodium Group und MERICS

Chinesische Direktinvestitionen in Europa sind 2019 weiter gesunken. Dies spiegelt den weltweit anhaltenden Rückgang chinesischer Investitionen wider. Im vergangenen Jahr kam es zu einer Verschiebung der geografischen Verteilung von chinesischen Auslandsdirektinvestitionen. Gleichzeitig veränderte sich die sektorale Aufteilung der Investitionen: Konsumgüter und Dienstleistungen lösten die Automobilindustrie als Hauptziel chinesischer Investoren ab. 

Während Eigenkapitalinvestitionen rückläufig waren, verzeichneten andere Arten von Interaktionen zwischen China und Europa einen deutlichen Zuwachs, darunter die Zusammenarbeit in Forschung und Entwicklung zwischen chinesischen Unternehmen und ausländischen Unternehmen, Universitäten und Regierungen. Der Großteil dieser Partnerschaften wird aus europäischer Sicht als wünschenswert und harmlos betrachtet. Einige Kooperationen aber geben Anlass zur Sorge, so die Ergebnisse der heute veröffentlichten gemeinsamen Studie von Rhodium Group und MERICS: „Chinese FDI in Europe: „Chinese FDI in Europe: 2019 Update, Special Topic: Research Collaborations“ von Agatha Kratz, Mikko Huotari, Thilo Hanemann und Rebecca Arcesati. 

Rückgang chinesischer Investitionen in Europa

Im Jahr 2019 haben chinesische Unternehmen in Europa 12 Milliarden EUR investiert. Dies sind 33 Prozent weniger als 2018. Das Investitionsniveau erreichte im vergangenen Jahr den Stand von 2013. Gründe hierfür waren die anhaltenden chinesischen Kapitalverkehrskontrollen, das Vorgehen der chinesischen Führung gegen „irrationale“ Akquisitionen einiger Schlüsselinvestoren sowie eine Entschuldungskampagne, die die Liquidität chinesischer Unternehmen einschränkte. Der Rückgang steht im Einklang mit der weltweiten Entwicklung chinesischer Auslandsinvestitionen seit 2016. 

Die geografische Verteilung der chinesischen Investitionen innerhalb der EU hat sich im vergangenen Jahr spürbar verschoben: Zum ersten Mal seit 2010 war Nordeuropa mit 53 Prozent aller Investitionen Hauptempfänger von chinesischem Kapital und überholte die „Big 3“ (Großbritannien, Deutschland und Frankreich). Großbritannien blieb volumenmäßig der zweitgrößte Empfänger chinesischer Auslandsinvestitionen innerhalb der EU und führte die Liste einzelner Transaktionen an. Während Osteuropa einen leichten Zuwachs von zwei (2018) auf drei Prozent (2019) verzeichnete, sanken die Anteile Südeuropas und der Benelux-Länder auf unter zehn Prozent.

Der Branchenmix verlagert sich in Richtung Konsumgüter und Dienstleistungen - IKT bleiben stark 

Im Fokus der chinesischen Investitionen standen 2019 Konsumgüter und Dienstleistungen. Insgesamt erhielten sie mit 40 Prozent den höchsten Anteil des Investitionsvolumens und überholten die Automobilindustrie. Zurückführen lässt sich dies auf einen Mega-Deal: Chinas größter Sportartikelhersteller Anta kaufte den finnischen Konzern Amer für 4,6 Milliarden Euro. Dies war eine der größten chinesischen Investitionen in Europa der vergangenen 20 Jahre.  

Der beliebteste Sektor unter chinesischen Investoren blieb 2019 der IKT-Sektor. Auf ihn entfielen 20 Prozent aller Einzeltransaktionen und mit 2,4 Mrd. EUR auch das zweitstärkste Gesamtvolumen. Dies spiegelt das anhaltende Interesse chinesischer Unternehmen an europäischen Technologien, Unternehmen und Know-how wider. Die Automobilindustrie erreichte mit Investitionen in Höhe von 1,3 Mrd. EUR im vergangenen Jahr den dritten Platz. 

Der Anteil der Investitionen durch Staatsunternehmen fiel dramatisch  

Der Investitionsanteil von Staatsunternehmen in Europa sank auf nur elf Prozent der Gesamtinvestitionen. Staatliche Kontrollen und finanzielle Beschränkungen in China dürften zu dieser Entwicklung ebenso beigetragen haben wie die stärkeren Investitionskontrollen in Europa. Gleichzeitig signalisiert der Rückgang auch das Gewicht der Übernahmen durch chinesische Privatunternehmen. 

Ausblick auf 2020 in Zeiten der Corona-Pandemie 

Die globale Corona-Pandemie dürfte sich massiv auf die globalen Kapitalströme auswirken und somit auch auf Chinas Auslandsinvestitionen. Der Shutdown großer Teile der chinesischen Wirtschaft im Februar und März hat bereits einen negativen Effekt auf Vertragsabschlüsse gezeigt. Vorläufige Daten weisen darauf hin, dass im ersten Quartal 2020 die chinesischen Auslandsinvestitionen auf den niedrigsten Wert innerhalb der letzten zehn Jahre gefallen sind.

Aber die Krise schafft für chinesische Unternehmen auch Kaufoptionen in Europa und anderswo. Während vergangener Krisen erwarben chinesische Firmen vergünstigte Vermögenswerte auf der ganzen Welt. Ein opportunistischer Kaufrausch infolge der Corona-Krise ist jedoch aus Sicht der Autoren unwahrscheinlich. „Es ist zu erwarten, dass chinesische Unternehmer in Einzelfällen, z.B. in Großbritannien in der Chipindustrie oder in Deutschland im Automobilsektor, versuchen werden zuzugreifen.  Die gesamtwirtschaftliche Lage in China macht das aber auch für diese Unternehmen nicht leicht. Europäische Stabilisierungs- und Abwehrmaßnahmen dürften das außerdem weitgehend verhindern“, sagt Mikko Huotari, Direktor des MERICS und Mitautor der Studie.  

Chinesische Firmen suchen nach alternativen Wegen, um mit europäischen Akteuren zu interagieren 

Da Übernahmen und andere Kapitalbeteiligungen schwieriger geworden sind, verfolgen chinesische Firmen Alternativen, um mit europäischen Akteuren zu interagieren. Chinesische Unternehmen haben u.a. ihre Zusammenarbeit in Forschung und Entwicklung mit europäischen Firmen, Universitäten und Regierungen verstärkt. Auch wenn die Mehrzahl dieser Kooperationen aus europäischer Sicht positiv und wünschenswert ist, sorgen einige auch für Bedenken. Darunter befinden sich Kooperationen, die den Transfer von kritischen und sogenannten Dual-use-Technologien an Chinas militärisch-industriellen Komplex ermöglichen oder zum Ausbau der Kontroll- und Überwachungsfähigkeiten des chinesischen Staates beitragen. 

Europa muss problematische Kooperationen schneller und besser erkennen 

Ebenso wie bei der Überprüfung von Investitionen müssen EU-Entscheider auch Lösungen finden, die spezifische Bedenken gerecht werden und zugleich Europas wirtschaftliche Offenheit erhalten. Die Autoren argumentieren, dass Überprüfungen auf Forschungs- und Entwicklungskooperationen ausgeweitet werden sollten. Untätigkeit könnte hier zu Widerstand von Verbündeten und OECD-Partnern führen und teure sowie unnötige Entflechtungen nach sich ziehen. Forscher in Unternehmen und Universitäten müssten chinesische Firmen und Chinas Politik besser verstehen, um Risiken zu identifizieren und zu reduzieren. MERICS und die Rhodium Group geben in der vorliegenden Studie erste Empfehlungen, wie Europa auf diese Herausforderungen reagieren sollte. 

Sie können die komplette Studie „Chinese FDI in Europe: 2019 Update, Special Topic: Research Collaborations“ hier in englischer Sprache lesen. 

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