Interview
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Jude Blanchette zu 100 Jahre KPC

„Wir sehen wesentliche Veränderungen in der Rolle der KPC im Wirtschaftssystem und der Gesellschaft “

Jude Blanchette ist China-Experte am Center for Strategic and International Studies (CSIS) in den USA. In unserer Interviewserie zum hundertjährigen Bestehen der Kommunistischen Partei Chinas (KPC) spricht er über die Widerstandsfähigkeit der KPC, die Veränderungen im politischen und wirtschaftlichen System Chinas und die Integration von Partei, Gesellschaft und Wirtschaft. Die Fragen stellte Nis Grünberg, Wissenschaftlicher Mitarbeiter bei MERICS.

Woraus bezieht die KPC ihre Widerstandsfähigkeit?

Jude Blanchette: Ein wichtiger Faktor ist die Fähigkeit der KPC, Ressourcen zu mobilisieren, zu bündeln und auf bestimmte Ziele zu lenken. Das können finanzielle Ressourcen, aber auch Humankapital sein. Die KPC kann dies auf eine Weise steuern, zu der Marktwirtschaften und Demokratien möglicherweise nicht in der Lage sind.

Die zweite Eigenschaft, die die Partei widerstandsfähig macht, ist ihre Offenheit für Innovationen und Experimente. Das scheint zunächst wie eine Ironie, da wir dazu neigen, leninistische Systeme als starr zu betrachten. Doch die KPC hat den Niedergang der Sowjetunion genau studiert. Zudem gab es in der Partei immer die Bereitschaft, neue Dinge auszuprobieren, sich anzupassen, zu beseitigen, was nicht funktioniert, und offen für neue Elemente des Regierens zu sein. 

Das letzte Element dieser Resilienz ist die Verflechtung der Partei mit der Gesellschaft. Als leninistische Partei bleibt die KPC elitär, die Mitgliedschaft in der Partei steht nicht jedem offen. Dennoch versucht die Partei seit langem, sich in fast alle Bereiche der Gesellschaft zu integrieren, so dass sie allgegenwärtig geworden ist. Das hat der KPC ermöglicht, Risiken frühzeitig zu erkennen und innovativ zu sein, wenn es nötig ist. 

In ihrer Forschung argumentieren Sie, dass sich in China ein neuartiges System herausbildet und dass sich die Art und Weise wie Institutionen in Politik und Wirtschaft zusammenarbeiten grundlegend verändert. Wie genau sehen diese Veränderungen aus?

Seit den frühen 1980er Jahren bis Mitte oder Ende der 2000er Jahre stand die Wertschöpfung durch die Steigerung des materiellen Gesamtvermögens im Fokus. Heute gibt Xi Jinping die Richtung vor, wohin sich die Wirtschaft entwickeln soll. Diese ist deutlich klarer definiert als unter allen vorherigen Führungsgenerationen. 

Für Beijing wird dieses Jahrzehnt eindeutig das schwierigste seit dem Tod Maos. Da das internationale Umfeld ihren eigenen Worten nach „feindseliger“ wird, kann die KPC nicht zulassen, dass „blinde“ Marktkräfte bestimmen, wohin chinesische Unternehmen und Auslandsinvestitionen gehen. Gleichzeitig sehen wir wesentliche Veränderungen in der Rolle der KPC im Wirtschaftssystem und der Gesellschaft – einen Grad an Verankerung, den es vor 2012 nicht gab. 

Wie weit wird dieser Vorstoß der Partei in die Gesellschaft Ihrer Meinung nach gehen?

Diese Frage beschäftigt alle: Wird in Zukunft jedes chinesische Unternehmen in seiner hierarchischen Struktur die Rolle der Parteizelle und des Parteisekretärs stärken, so dass unternehmerische und politische Entscheidungen Hand in Hand gehen? Wir wissen es nicht. 

Die Integration der Partei in die Gesellschaft erfolgt aber nicht, weil die Partei alle Entscheidungen in der chinesischen Gesellschaft treffen will. Beijing versucht auf diese Weise, mit immer komplexen Realitäten umzugehen. Die Einrichtung von Parteizellen in Unternehmen ist also keine zentralisierte Verwaltung 2.0. Angesichts der weiteren internationalen Integration Chinas und einer zunehmend fragmentierten und als unberechenbar wahrgenommenen Weltwirtschaft will die Partei sicherstellen, dass sie die Prozesse versteht und im Griff hat. 

Die große Herausforderung für Analysten und politische Akteure ist nun, wie wir dieses sich neu entwickelnde hybride politische Wirtschaftssystem in Zukunft konzeptionell erfassen und behandeln sollen.

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