MERICS China Essentials Spezial: Europäisch-chinesische Beziehungen treten in kritische Phase
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Härtere Linie der EU im Handelskonflikt mit China: Differenzierte Gegenmaßnahmen zu erwarten
Die Wirtschafts- und Handelsbeziehungen zwischen China und der EU bleiben nach den Beschlüssen der vergangenen Woche von Unwägbarkeiten überschattet: Nach der Ankündigung des EU-Gipfels, Instrumente zum Schutz des europäischen Marktes und zur Verringerung von Abhängigkeiten zu stärken, bereiten sich Brüssel und die Mitgliedstaaten auf mögliche Gegenmaßnahmen Beijings vor. Bereits vor der EU-Ratssitzung in der vergangenen Woche hatte Chinas Handelsministerium gewarnt, die EU solle „Chinas Entschlossenheit und Fähigkeit, seine eigenen Interessen zu verteidigen, nicht unterschätzen“.
Chinesische Maßnahmen könnten sich zum Beispiel gegen europäische Exportgüter richten, die für die EU strategisch wichtiger sind als für China selbst (siehe Abbildung 1). Dazu zählen hochwertige Agrar-, Lebensmittel- und Getränkeprodukte – wie französischer Cognac und schwedischer Lachs – die schon früher von chinesischen Einfuhrbeschränkungen betroffen waren. Mode- und Kosmetikprodukte oder Luxusautos könnten in diesem Segment perspektivisch zur Zielscheibe werden.
Ebenso könnte Beijing seine Unternehmen anhalten, ausländische Finanzdienstleister zu meiden, auch wenn dies deren Zugänge zu internationalen Finanzmitteln einschränken würde. Eine weitere Eskalationsstufe wäre die Beschränkung der Einfuhr von für China strategisch wichtigen Gütern wie hochmoderne Maschinen oder Bauteile.
China könnte auch seine eigenen Exportbeschränkungen verschärfen, um Europa den Zugang zu kritischen Produkten zu verwehren. Im Fall seltener Erden etwa wären die Kosten für Europa hoch, während für China die negativen Auswirkungen auf die Exporte dieser Produkte insgesamt zu verschmerzen wären. Beschränkungen gegen wichtige Komponenten zur Aufbereitung seltener Erden und zur Batterieherstellung hätten ebenfalls negative Auswirkungen auf europäische Bemühungen, Risiken in den Handels- und Wirtschaftsbeziehungen zu China verringern (Derisking).
Ein Restrisiko für Beijing bleibt: Geht China zu weit, könnten die Beschränkungen auch seine Zugänge zu europäischen Produkten behindern, auf die es weiter angewiesen ist. Hierzu zählen deutsche Werkzeugmaschinen, französische Messgeräte sowie niederländische Lithografie-Maschinen für die Chipherstellung.
Um solche strategisch wichtigen Importe aus Europa aufrechtzuerhalten, könnte Beijing die für deren Herstellung benötigten chinesischen Komponenten von Export-Beschränkungen ausnehmen. Ähnlich war China auch 2025 im US-chinesischen Handelskonflikt bei einigen strategisch wichtigen US-Produkten vorgegangen.
Wenig wahrscheinlich ist zudem eine Blockade des Exports hochwertiger chinesischer Produkte wie Elektrofahrzeugbatterien oder Autoteile, denn Chinas Wirtschaftswachstum hängt stark von diesen Exporten ab (siehe Abbildung 2).
„Europa muss sich im Klaren sein: China wird auf neue Beschränkungen für chinesische Waren reagieren, und dies könnte europäische Unternehmen gezielt und hart treffen. Europa braucht Zeit, um Abhängigkeiten abzubauen, und muss doch auch die Bereitschaft demonstrieren, einen Wirtschaftskonflikt notfalls auszutragen. Um Druck aus Beijing glaubwürdig abzuwehren, muss es in der Lage sein, Chinas Zugang zu europäischen Technologien und Märkten kurzfristig einzuschränken."
Jacob Gunter, Programmleiter Wirtschaft und Industrie, MERICS
Medienberichte und Quellen::
- MOFCOM (CN): 商务部新闻发言人就欧盟峰会提出对华“双轨”思路答记者问 (MOFCOM Spokesperson Answers Reporters’ Questions on the EU Summit’s “Two-Track” Approach Toward China)
- EU Council: Conclusions adopted by the European Council at the European Council meeting on 15 and 16 October 2026
- European Commission: Joint press statement by Commissioner Šefčovič and Minister Wang
- CNBC: China indicates rare earths will keep flowing to EU, regardless of U.S. trade deal expiration
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2,06%
Diesen Anteil hatten Hybridfahrzeuge zwischen Januar und August 2026 an den gesamten chinesischen Exporten in die EU – mehr als doppelt so viel wie 2025 mit 0,95%. Chinas Zusage zum Drosseln der Exporte von Hybridfahrzeugen in die EU dürfte somit begrenzte Wirkung haben. EU-Präsidentin Ursula von der Leyen hat auch eingeräumt, „Fortschritte in einem Sektor“ reichten nicht aus, um Chinas enormen Handelsüberschuss gegenüber der EU zu beseitigen. Das mit China getroffene Abkommen sowie Beijings Zusagen für einen besseren Marktzugang für bestimmte EU-Produkte und eine zuverlässige Versorgung mit Seltenen Erden haben damit zwar wichtigen symbolischen Nutzen: Diplomatie soll dazu beitragen, Differenzen zwischen Brüssel und Beijing zu überbrücken und den Dialog aufrechtzuerhalten. Potenzielle weitere Gegenmaßnahmen der EU sind damit nicht vom Tisch. (Quelle: Eurostat)
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EU-Abkommen mit China über Hybrid-Fahrzeuge: Kleiner Fortschritt und Zeitgewinn
Der Handelskonflikt zwischen China und der EU ist trotz der am 9. Oktober erzielten „gemeinsamen Verständigung“ über chinesische Hybridfahrzeug-Exporte aus Sicht von Berlin, Paris und Brüssel nicht aufgelöst. Die Staats- und Regierungschefs der EU und der Mitgliedstaaten sehen die Spannungen als strukturell bedingt und halten daran fest, Abhängigkeiten Europas von China zu verringern.
Ohne China namentlich zu erwähnen, erklärte Bundeskanzler Friedrich Merz vor dem Bundestag, Deutschland und Europa würden „nicht länger tatenlos zusehen […], wie andere Länder unserer Wirtschaft durch hohe Subventionen, künstlich abgewertete Währungen, Überkapazitäten und aggressive Preisgestaltung schaden“. Angesichts seiner bevorstehenden Besuche in Singapur, Südkorea und Japan bezeichnete er diese Staaten als entscheidend „für den Abbau kritischer, einseitiger Abhängigkeiten“.
Im Anschluss an den EU-Gipfel vom 15. bis 16. Oktober bezeichneten Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und der französische Präsident Emmanuel Macron das Abkommen über Hybridfahrzeuge als nur einen Zwischenstopp auf dem Weg zu einem möglichen Handelskonflikt.
Das Handelsdefizit mit China sei „strukturell“ und untragbar, sagte von der Leyen. Neue Instrumente stünden bereits zur Verfügung oder seien in Planung: die „DiversifyEU“-Initiative zur Beschleunigung der Risikominderung, der Solidaritätsmechanismus zur Abwehr von Zwangs- oder Vergeltungsmaßnahmen und ein neues Instrument zur Beschränkung des Zugangs zum Binnenmarkt. Macron forderte mit Blick auf mögliche zukünftige sektorale Handelskonflikte von der EU weitere Maßnahmen in den Bereichen Chemikalien, Kunststoffe und Eisenlegierungen.
„Die europäischen Staats- und Regierungschefs nehmen trotz des Abkommens mit China über Hybridfahrzeuge eine härtere Haltung ein. Das Abkommen mag vorrübergehend den massiven Druck verringern, den chinesische Exporte auf die europäische Autoindustrie ausüben. Es zögert eine Konfrontation mit Beijing jedoch lediglich hinaus; eine Eskalation ist nach wie vor nicht ausgeschlossen.“
Aurelio Insisa, Senior Analyst, MERICS
Medienberichte und Quellen:
- Financial Times: EU “safeguards” hybrid car sector from Chinese imports under new deal
- German Government: Regierungserklärung von Bundeskanzler Friedrich Merz
- European Commission: Statement by the President: EUCO of 16 October 2026
- Reuters: EU to propose import curbs on other Chinese sectors, says EU chief
China stellt EU-Handelsbarrieren als Symptom wirtschaftlichen Versagens dar
Es liegt an Europa, nicht an China – so lautete der Tenor der Berichterstattung in Chinas parteistaatlichen Medien über den Besuch von Maroš Šefčovič in Beijing Anfang Oktober. Der EU-Handelskommissar hatte dort Gespräche mit dem chinesischen Vizepremier He Lifeng und Handelsminister Wang Wentao geführt. In Kommentaren der parteistaatlichen Medien wurden der persönliche Besuch und die Gelegenheit zum Dialog als wichtiger Schritt hin zu besseren Handelsbeziehungen gelobt.
Während chinesische Medienberichte Chinas guten Willen betonten, stellten sie die Handelsbarrieren der EU überwiegend als protektionistische Maßnahme zur Lösung selbstverschuldeter Probleme dar. Die Kommentatoren hoben hervor, die Lieferketten in Branchen von der Automobilindustrie über neue Energien bis hin zur Biomedizin seien eng miteinander verflochten, jeder Handelskonflikt schade beiden Seiten.
Chinas parteistaatliche Medien erwähnten Beijings Zusagen bezüglich einer Ausbalancierung der Handelsbilanz mit der EU. Zugleich betonten sie mit Nachdruck, China sei nicht die Ursache für Europas Probleme. In einem Artikel in der „China Daily“ hieß es, Handelsbarrieren könnten die „systemischen wirtschaftlichen Probleme“ der EU nicht beheben. Ein Leitartikel in der „People’s Daily“ behauptete gar, China könne zur Bewältigung der „Entwicklungsherausforderungen“ Europas beitragen.
Die Verärgerung auf chinesischer Seite über neue Maßnahmen Europas ist aus den Kommentaren deutlich herauszulesen. So wurde etwa der jüngste Aufruf Frankreichs und Deutschlands, Abhängigkeiten zu verringern, scharf als Protektionismus kritisiert. Ein Kommentar auf der Website „China Finance“ lobte Beijing für seine Haltung in den Gesprächen und warnte zugleich, „Aufrichtigkeit“ sei nicht einseitig ist und „Geduld nicht grenzenlos“.
„Chinas parteistaatliche Medien neigen dazu, die Schuld für die Handelsspannungen Brüssel und einigen EU-Mitgliedstaaten zuzuschreiben, insbesondere Frankreich und Deutschland. Die Rhetorik spiegelt ein wachsendes Vertrauen in Chinas Entwicklungsmodell und seine wirtschaftliche Stärke wider. Dennoch könnten neue europäische Handelsinstrumente Beijing an den Verhandlungstisch bringen.“
Katja Drinhausen, Programmleiterin, Politik und Gesellschaft, MERICS
Medienberichte und Quellen:
- People’s Daily (CN): 中欧要做彼此稳定、平衡的关键贸易伙伴(钟声)
- People’s Daily: France and Germany are lowering the banner of free trade themselves
- China Daily: Dialogue and cooperation represent rational path to healthy China-EU trade relationship
- China Finance (CN): 玉渊谭天:中欧谈判,所谓混动汽车出口砍半是怎么回事
Noch erhält Europa Lizenzen für Seltene Erden im Schnellverfahren – doch China könnte dies jederzeit ändern
Das Anfang Oktober geschlossene Handelsabkommen zwischen der EU und China könnte Europas unmittelbare Versorgungsprobleme bei Seltenen Erden lindern. Es stärkt jedoch auch Chinas Fähigkeit, diese als politische Waffe einzusetzen. Die EU verpflichtete sich, vorrangige Genehmigungsverfahren für Dual-Use-Exporte (mit einem möglichen militärischen Nutzen) nach China zu beschleunigen. China erklärte sich im Gegenzug bereit, Entscheidungen den Export kritischer Mineralien nach Europa weiterhin zügig zu treffen.
Brüssel setzte in den Verhandlungen also zwei sehr unterschiedliche Systeme gleichwertig ein: ein EU-Kontrollsystem, das die Nutzung sensibler Technologien für militärische Zwecke verhindern soll und ein Lizenz-System, das Chinas Dominanz bei Seltenen Erden als geopolitischen Hebel nutzt. Europa hat Chinas Strategie, Exportkontrollen für seine Zwecke zu instrumentalisieren, offenbar nur wenig entgegenzusetzen.
Obwohl China bereits seit 2023 Genehmigungen für die Ausfuhr kritischer Mineralien verlangt, konnte Europa seine Abhängigkeit von chinesischen Lieferungen bislang nicht verringern. In den vergangenen 18 Monaten hat die EU verschiedene Abbau-, Verarbeitungs- und Recyclingprojekte angekündigt, bislang jedoch keine alternativen Lieferquellen erschlossen.
Das jüngste Abkommen mit Beijing garantiert keine Lieferungen Seltener Erden an europäische Unternehmen. Die chinesische Regierung versprach im vergangenen Jahr zwar, Genehmigungsverfahren zu beschleunigen. Die Fortschritte waren aber langsam und uneinheitlich. Auch hat die chinesische Regierung nicht gezögert, Exportkontrollen für politische Vergeltungsmaßnahmen einzusetzen: Im Juli verbot sie Lieferungen von Dual-Use-Gütern an 14 europäische Unternehmen – einen Tag, nachdem die EU 14 chinesische Unternehmen wegen ihrer angeblichen Unterstützung für Russlands Krieg gegen die Ukraine mit Sanktionen belegt hatte.
„Europa muss schneller handeln, um sich andere Quellen für kritische Mineralien zu sichern, andernfalls gefährdet es die Sicherheit seiner Lieferketten. China profitiert von den 2025 eingeführten Genehmigungsvorschriften und setzt sie Verhandlungsmasse ein. Während Europa darum kämpft, Risiken zu minimieren, behält China die Kontrolle.“
Altynay Junusova, Analystin, MERICS
Medienberichte und Quellen:
MERICS China Digest
Aufschwung für die chinesische Wirtschaft im dritten Quartal im dank solider Exportzahlen (AP)
China hat im dritten Quartal eine Wachstumsrate von 4,5 Prozent erreicht – dies entspricht dem von Beijing für das gesamte Jahr angestrebten Wachstumsziel von 4,5 bis 5 Prozent. Das Wachstum geht größtenteils auf Chinas Exporte zurück. Bei Handelspartnern mehren sich indes die Beschwerden über übermäßige Handelsungleichgewichte und unlauteren Wettbewerb auf dem heimischen Markt. (21.10.2026)
Einstieg in China: Visa erhält Genehmigung kurz vor Trump-Xi-Gipfel (Financial Times)
Die chinesische Zentralbank hat dem Zahlungsriesen Visa die Genehmigung erteilt, Kreditkarten in China zu vertreiben, nachdem ausländische Zahlungsanbieter jahrelang nicht zugelassen waren. Das Unternehmen steht einem transformierten Markt gegenüber, in dem QR-Code-Zahlungen zunehmend klassische Karten ersetzen. Die Genehmigung wurde verzögert erteilt, aber dennoch als positives Signal mit Blick auf eine zunehmende Marktöffnung für ausländische Unternehmen in China gewertet. (13.10.2026)
Beijings Bevölkerung erreicht bis 2035 die Überalterungsgrenze (Reuters)
Bis zum Jahr 2035 wird ein Drittel der Einwohner Beijings 60 Jahre oder älter sein. Die Regierung diskutiert Maßnahmen zur Bewältigung potenzieller wirtschaftlicher Auswirkungen, darunter die Anhebung der Renten für ältere Einwohner, um den Binnenkonsum anzukurbeln. (19.10.2026)
Nach Angaben der Zentralen Kommission für Disziplinarkontrolle und der Nationalen Aufsichtsbehörde wird derzeit gegen den ehemaligen Bürgermeister von Chongqing, Huang Qifan, wegen des Verdachts auf Korruption ermittelt. Huang war unter Bo Xilai tätig gewesen, dem aus der KPC ausgeschlossenen, ehemaligen Parteichef der chinesischen Metropole. (13.10.2026)
China und Nordkorea eröffnen Grenzbrücke mit zwölf Jahren Verspätung (South China Morning Post)
Die bereits 2014 erbaute Brücke über den Yalu-Fluss ist am 15. Oktober eröffnet worden und soll den Warenaustausch zwischen China und Nordkorea verbessern. Die Eröffnung hatte sich wegen unzureichender nordkoreanischer Straßen-, Zoll- und Logistikinfrastruktur, angespannter bilateraler Beziehungen sowie Pandemie-bedingter Grenzschließungen verzögert. (14.10.2026)
China aktualisiert Exportvorschriften für Drohnen (South China Morning Post)
China hat eine Überarbeitung seiner Exportkontrollen für Drohnen sowie zugehörige Komponenten und Technologien angekündigt. Technische Kriterien werden aktualisiert und vereinfachte Registrierungsverfahren für bestimmte Exporte eingeführt. Die Maßnahmen zielen darauf ab, den legitimen zivilen Handel zu erleichtern und gleichzeitig die Kontrollen für Dual-Use-Technologien aufrechtzuerhalten; sie treten am 18. November in Kraft. (19.10.2026)
Das US-Ministerium für Innere Sicherheit hat zivile Bundesbehörden angewiesen, DeepSeek-Produkte und -Dienste aus ihren IT-Systemen zu entfernen und künftige Beschaffungen einzuschränken. Die Maßnahme erstreckt sich auch auf ausgewählte Produkte von Drittanbietern, die DeepSeek-Technologie enthalten, und weiten somit die Sicherheitsbeschränkungen für chinesische KI auf nachgelagerte Anwendungen aus. (19.10.2026)
Rivalität mit den USA: Beijing plant verstärkte Kontrolle von KI-Exporten (Reuters)
China prüft die mögliche Aufnahme von 40 Technologien in seinen Katalog verbotener und beschränkter Technologieexporte, darunter 23 KI-Technologien. Die öffentliche Konsultation zu diesem Vorschlag schließt am 15. November. (16.10.2026)
