Interview
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Maria Repnikova über Chinas Medien: „Zunehmende Verfeinerung der Kontrolle und Anpassungsfähigkeit”

Als Teil unserer Serie zum 100-jährigen Jubiläum der Kommunistischen Partei Chinas (KPC) sprachen wir mit Maria Repnikova, Assistenzprofessorin für globale Kommunikation an der Georgia State University, über Veränderungen in Chinas Medienlandschaft. Sie erläutert, wie sich die KPC bemüht, ein weltweites Publikum anzusprechen und wie chinesische Journalisten in einem zunehmend angespannten Arbeitsumfeld navigieren.  

Fragen von Nis Grünberg, Wissenschaftlicher Mitarbeiter bei MERICS

Wie hat Xi Jinping die Interaktion des Parteistaats mit den Medien verändert?  

Die Kontrolle wurde in verschiedenen Bereichen erheblich ausgeweitet – von Internet-Regulierung bis hin zu traditionellen Medien und Ideologie. Unter Xi sind Kontrolle und Anpassungsfähigkeit in Bezug auf Einflussnahme und Propaganda verfeinert worden. Diskussionen in westlichen Medien und politischen Gemeinschaften konzentrieren sich oft auf Zensur und Überwachung, aber gleichzeitig hat die Partei ihren Umgang mit Nachrichten angepasst. Sie benutzt soziale Medien und Kurznachrichtendienste kreativer, emotionaler und spielerischer. Sie wechselte von ideologischen Tönen zu einem kreativeren Ansatz, der oft verbirgt, wer hinter den Nachrichten steckt.  

Wie sieht Chinas Medienlandschaft heutzutage aus? 

Manche stellen sich die chinesische Medienlandschaft monolithisch und von parteieigenen Unternehmen dominiert vor. Aber in den vergangenen 20 Jahren hat sich der Markt diversifiziert. Die Partei hat mehr Wettbewerb und Werbung zugelassen. Deshalb entstanden halbkommerzielle Geschäftsmodelle neben den parteieigenen – obwohl die Partei immer noch Mehrheitsbeteiligungen an diesen Marktneulingen besitzt. Gestiegen ist auch die Zahl der Bürgerjournalisten und individuellen Stimmen. Ihre Berichterstattung ist oftmals genauer und lebendiger. Während der Pandemie berichteten sie über den Lockdown, den Mangel an medizinischer Ausrüstung und andere soziale Probleme. Dann gibt es Plattformen der sozialen Medien, die aber auch nicht unabhängig sind. Sie sind private Unternehmen, die von der Partei genutzt werden, um politische Inhalte zu verbreiten.  

Wie navigieren Journalisten die ausufernden „roten Linien”?  

Journalisten sollen nach chinesischer Auffassung eine „konstruktive Rolle“ in der Gesellschaft spielen. Um „rote Linien” zu navigieren, passen sich Journalisten der Agenda der Partei an. Während der Antikorruptionskampagne zum Beispiel griffen viele Vertreter von halbkommerziellen oder kritischeren Medien die bereits von der Partei vorangetriebene Agenda auf, was ihre Berichterstattung so weniger sensibel machte. Sie ermittelten gegen Beamte, die bereits unter Verdacht standen.  

Während der Pandemie in Wuhan wurden in Nachrichtenberichten kritische Stimmen aufgegriffen, die jedoch oft mit Vorschlägen zur Verbesserung des Rechtssystems, der Rechenschaftspflicht oder der medizinischen Versorgung kombiniert wurden. Es wird so eine Stimmung des Vorwärtsgehens, nicht des Zurückschauens erzeugt. Die Partei und die Medien beobachten sehr genaue Debatten in sozialen Medien. Die Medien sind dabei oft etwas flexibler, greifen interessante Themen heraus und berichten, bevor die Partei ein Interesse daran entwickelt.  

Wie gut gelingt es der KPC, die “China-Geschichte” international zu verbreiten?  

Es gibt da mehrere Schwierigkeiten bei der Verbreitung solcher Narrative. Die positivistische Darstellung ist für das westliche Publikum nicht wirklich attraktiv, weil sie nicht glaubwürdig erscheint. Der zweite Reibungspunkt ist die Diskrepanz zwischen dem einheimischen und dem internationalen Publikum: Die aggressive Twitter-Rhetorik der „Wolfskrieger“-Diplomaten ist eher inländisch ausgerichtet, stößt aber das globale Publikum ab.  

Doch die chinesischen Medien passen sich an: Sie stellen regional Reporter und Produzenten ein – zu sehen in den CGTN-Büros in Nairobi oder London, aber auch in denen von China Daily und der Nachrichtenagentur Xinhua. Diese mit den örtlichen Gegebenheiten vertrauten Journalisten erzählen ihre Geschichten über China anders, wenn sie den Raum dafür bekommen.

Copyright Profilbild: James C. Taylor III, Georgia State Department of Communication

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