China zum Grönland-Disput + Chinesisch-kanadischer Handelsdeal + Bevölkerungsrückgang
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China kritisiert Trump wegen Grönland, schweigt aber zum Einflussbereich Arktis
Die offene Feindseligkeit von US-Präsident Donald Trump gegenüber europäischen Staaten im Streit um den Status Grönlands bieten China einmal mehr Gelegenheit, sich als verantwortungsbewusster globaler Akteur zu geben. Das chinesische Außenministerium kritisierte Washington dafür, die Untergrabung des Völkerrechts mit einer „Bedrohung durch China ” zu rechtfertigen. Davon abgesehen hielt sich die Regierung Beijing mit Kommentaren auffällig zurück – möglicherweise auch, damit die eigenen geopolitischen Ambitionen in der Arktis nicht zu viel Aufmerksamkeit erfahren.
China hatte in der Vergangenheit Interesse an Grönlands Infrastrukturprojekten und kritischen Rohstoffen signalisiert, grönländische Interessengruppen warben für chinesische Investitionen. Die meisten Großprojekte kamen jedoch nie zustande.
Mit Ausnahme von zwei Forschungsstationen in Island und auf den norwegischen Svalbard-Inseln führt Chinas Weg zu mehr Einfluss in der Arktis über Russland. Beijing investierte in Bergbau, Energie und Infrastruktur im Norden Russlands, beide Staaten kooperieren bei der Erschließung der Nordostpassage. Zudem bauten China und Russland ihre militärische Zusammenarbeit in der Region aus, wobei gemeinsame Patrouillen vor allem in Gebieten in der Nähe von Alaska stattfinden. Trumps Behauptung, vor der Küste Grönlands wären russische und chinesische Marine-Zerstörer stationiert, die drohten, „Grönland zu besetzen“, trifft nicht zu.
Die aktuelle Krise zwischen den USA und Europa hat einen großen Nachteil für China: eine größere Aufmerksamkeit für die Arktis könnte seine Präsenz und Ambitionen im hohen Norden geopolitischen Widerständen aussetzen. Beijing betrachtet die Arktis in Zusammenhang mit dem Wettbewerb mit den USA und anderen westlichen Staaten. Die Volksrepublik hat sich zum „nahe der Arktis gelegenen“ Staat erklärt und die Region als „strategische neue Grenzregion“ definiert. Ein Ziel ist die Schaffung einer „polaren Seidenstraße“ mit neuen Schifffahrtsrouten und Infrastruktur.
Für Beijing ergeben sich potenziell jedoch auch Chancen. Die wachsenden Risse in den transatlantischen Beziehungen bieten China die Möglichkeit, sich gegenüber Europa als der stabilere und berechenbarere Akteur – und potenziell attraktivere Partner – zu präsentieren, dabei aber auch Zugeständnisse zu fordern. Sollten die USA Grönland erobern und dort eine bedeutende militärische Präsenz aufbauen, würde das eine ganz andere Dynamik in Gang setzen.
„Obwohl Chinas Präsenz in Grönland begrenzt ist, hat es durchaus Ambitionen, eine Macht in der Arktis zu werden, was Folgen für westliche Staaten hat. Die von Washington ausgelöste transatlantische Krise wird Beijing zugleich neue Möglichkeiten bieten, die Europäer von einer Annäherung an China zu überzeugen.“
Helena Legarda, Leiterin des Programms Internationale Beziehungen, MERICS
Mehr zum Thema: The Arctic, outer space and influence-building: China and Russia join forces to expand in new strategic frontiers, MERICS-Studie von Helena Legarda
Medienberichte und Quellen:
- Chinese MFA: MFA Spokesperson statement on Greenland
- New York Times: Trump announces new tariffs on some European countries in Greenland standoff
METRIX
1,2 Billionen USD
Chinas Handelsüberschuss hat 2025 mit 1,2 Billionen US-Dollar einen neuen Rekordwert erreicht, trotz eines deutlichen Rückgangs der Exporte in die USA. Dieser wurde von Staaten in Afrika und Südostasien aufgefangen. Afrika verzeichnete im dritten Quartal sogar 41 Prozent Wachstum im Vergleich zum Vorjahr bei Exporten aus China. Dieser Rekordhandelsüberschuss könnte für Widerstand in den betroffenen Ländern sorgen und den Druck auf Beijing erhöhen, Überkapazitäten in der Industrie abzubauen und damit die Abhängigkeit von der Auslandsnachfrage zu verringern. (Quelle: MERICS)
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Angesichts von Spannungen mit USA nähert sich Kanada im Handel China an
Während US-Präsident Donald Trump mit seiner Politik zunehmend auch bisherige Verbündete unter Druck setzt, nähert das Nachbarland Kanada sich mit einem neuen Handelsabkommen China an. Beijing wird Handelsbarrieren für kanadischen Raps, Hummer, Krabben und Erbsen senken, im Gegenzug öffnet Kanada seinen Markt vorsichtig für chinesische Elektro-Autos. 49.000 Fahrzeuge jährlich werden von dem 100-prozentigen Zoll befreit, den Kanada 2024 in Abstimmung mit den USA eingeführt hatte. Das chinesisch-kanadische Abkommen könnte womöglich nun andere von der aggressiven Zollpolitik Washingtons betroffene Staaten inspirieren, ihre Handelsbeziehungen mit China ebenfalls neu zu gestalten.
Kanada hatte mit den USA die Handelsbarrieren für chinesische Elektrofahrzeuge erhöht aus Sorge, preiswerte, staatlich subventionierte chinesische Elektrofahrzeuge könnten lokalen Produzenten auf dem nordamerikanischen Markt das Wasser abgraben. Das neue Abkommen öffnet den chinesischen Autobauern nun wieder eine kleine Tür zum kanadischen Markt – mit Quotenbeschränkungen. Zudem forderte Kanada chinesische Elektroautohersteller auf, in Produktionsstätten im Land zu investieren. Derzeit gehen 75 Prozent der kanadischen Exporte in die USA, Premierminister Mark Carney will diversifizieren und Ausfuhren in andere Staaten im kommenden Jahrzehnt verdoppeln. Der Ausbau des Handels mit China ist für dieses Ziel eine wichtige Voraussetzung.
Das Abkommen spiegelt auch die doppelte Herausforderung vieler Staaten: Sie müssen die durch preiswerte Importe aus China verursachten Wettbewerbsverzerrungen und zugleich die Folgen der US-Zollerhöhungen auf ihre Exportwirtschaft bewältigen. Für Kanada bleibt auch mit dem neuen Abkommen das Risiko, dass Chinas Überproduktion einheimische Produzenten unter Druck setzt; auch Kanadas strategische Abhängigkeiten von China bestehen weiter. Doch die vom Nachbarn USA verursachten akuten Probleme wiegen für die kanadische Regierung derzeit offenbar schwerer als in das langfristige Risiko von Konzessionen im Handel mit China.
„Beijing hat seine Karten im Handel geschickt ausgespielt, während Washington seine einst starke Position verspielt hat. Trumps Politik spielt Xi Jinping und der Kommunistischen Partei in die Hände. Trumps Umgang mit traditionellen Verbündeten trägt dazu bei, dass selbst Staaten wie Kanada nach China blicken, um sich abzusichern – und sei es nur, um Raps und Krabben gegen Elektrofahrzeuge zu tauschen.“
Jacob Gunter, Programmleiter Wirtschaft und Industrie, MERICS
Medienberichte und Quellen:
- Prime Minister of Canada: Prime Minister Carney forges new strategic partnership with the People’s Republic of China focused on energy, agri-food, and trade
- BBC: Canada's deal with China signals it is serious about shift from US
- The Guardian: Mark Carney in China positions Canada for "the world as it is, not as we wish it"
Chinas Bevölkerungszahlen erreichen historischen Tiefstand
Beijings Versuche, die Geburtenrate zu erhöhen, sind bislang nicht erfolgreich: Die Volksrepublik verzeichnete 2025 zum vierten Mal in Folge einen Bevölkerungsrückgang und zudem die bislang niedrigste Geburtenrate überhaupt. Ohne wirksame Maßnahmen gegen Kündigungen oder Diskriminierung von Frauen im gebärfähigen Alter dürfte sich der Abwärtstrend fortsetzen. Langfristig droht weiter eine Überlastung von Chinas ohnehin unter Druck stehenden Renten- und Gesundheitssystemen, die eine schnell alternde Bevölkerung versorgen müssen. Die jüngsten Daten dürften die Behörden veranlassen, ihre Bemühungen zur Förderung der Geburtenrate weiter zu intensivieren.
Chinas Bevölkerung ist seit 2024 um rund 3,5 Millionen Menschen geschrumpft. Die Zahl der registrierten Geburten ging um 17 Prozent zurück, laut Angaben des Nationalen Statistikamtes vom 19. Januar die niedrigste Geburtenrate seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1949. Die Fertilitätsrate sank auf weniger als ein Kind pro Frau.
Die Regierung setzt ihre Pläne für finanzielle Anreize und Verbesserungen der Gesundheitsversorgung für Mütter und Kinder nur langsam um. Ende Dezember stellte Beijing jedoch einen neuen Gesetzentwurf zu Kinderbetreuungsleistungen vor, der auf breite Zustimmung stieß. Wenn sie erfolgreich umgesetzt werden, könnten Eltern besseren Zugang auf – qualitativ bessere – Leistungen bekommen.
China strebt weiterhin ein „nachhaltiges” Bevölkerungswachstum an. Zu den im Vorfeld des Nationalen Volkskongresses im März verkündeten Zielen für den 15. Fünfjahrplan findet sich erstmals auch das einer „hochwertigen” Bevölkerungsentwicklung. Oberste Priorität ist, die Einstellung der Menschen zu Ehe und Familiengründung zu ändern. Dieses oft ideologisch begründete Vorhaben stößt, wie die Zahlen zeigen, bislang auf wenig Zustimmung.
„Chinas Demografen hatten zwar mit niedrigen Geburtenzahlen gerechnet, doch die aktuellen Daten zeichnen eine noch ernstere Lage als erwartet. Die Regierung in Beijing könnte sich schon bald gezwungen sehen, umfangreichere Sozialleistungen zu gewähren.“
Daria Impiombato, Senior Analystin, MERICS
Mehr zum Thema: When giving birth is a national duty: Beijing’s struggle to reverse demographic decline, MERICS-Studie von Daria Impiombato und Nis Grünberg
Medienberichte und Quellen:
- People’s Daily (CN): 促进人口高质量发展--专题报道 (Promoting high-quality population development - Special Report)
- National Bureau of Statistics (CN): 王萍萍:2025年全国人口总量为140489万人 人口高质量发展持续推进 (Wang Pingping: China's total population will reach 1,404.89 million in 2025; high-quality population development continues to advance)
- Sixth Tone: China unveils draft law to expand childcare services
Beijing prüft Übernahme von Manus AI durch Meta – Sorge um Verlust von KI-Fähigkeiten
Beijing macht sich offenbar Sorgen um den Verlust einheimischer KI-Unternehmen und hat eine Untersuchung der Übernahme von Manus AI durch das US-Unternehmen Meta im Dezember eingeleitet. Manus ist eine agentenbasierte KI-Software, die vom chinesischen Start-up Butterfly Effect entwickelt wurde.
Meta kaufte das Start-up für rund zwei Milliarden USD, nachdem Manus im Juni nach Singapur umgezogen war, seine chinesischen Mitarbeiter entlassen und damit de facto seine Verbindungen zu China abgebrochen hatte. Obwohl es von dem chinesischen Staatsbürger Xiao Hong in Beijing und Wuhan gegründet wurde und Investoren wie ZhenFund und Tencent zu seinen Geldgebern zählte, ist sein universeller KI-Agent in China nicht verfügbar.
Manus ist nicht das erste chinesische KI-Unternehmen, das sich in Singapur niedergelassen hat. So manche chinesische Tech-Firma ist in den Stadtstaat umgesiedelt, auch wegen des erleichterten Zugangs zu US-Kapital und -Technologie – diese Taktik wird auch als „Singapore-Washing“ bezeichnet. Beijing ist besorgt über einen möglicherweise drohenden größeren Verlust von KI-Ingenieuren und -Technologie, beides wichtige Faktoren im Streben nach technologischer Unabhängigkeit, aber auch für die Ziele nationaler und wirtschaftlicher Sicherheit.
Insbesondere ist Beijing nicht daran gelegen, dass US-Unternehmen Zugriff auf Innovationen bekommen, die in China entwickelt wurden.
Chinas Behörden suchen nun einen Grund, gegen eine Übernahme von Manus AI durch Meta vorzugehen, beispielsweise im Fall eines Verstoßes gegen Exportkontrollen. Sollte Beijing feststellen, dass Manus keine Technologie-Exportlizenz beantragt oder sensible Trainingsdaten ohne Genehmigung übertragen hat, könnte dies nicht nur die konkrete Übernahme gefährden, sondern auch andere Unternehmen vor Probleme stellen, die ähnliche Pläne haben.
„Manus bedient den chinesischen Markt nicht. Wenn Butterfly Effect, der Entwickler von Manus AI, die Vorschriften für Auslandsinvestitionen eingehalten hat, sind Beijings Möglichkeiten begrenzt. Die nächsten Schritte werden über Erfolg oder Misserfolg der ‚Singapore-Washing‘-Strategie chinesischer KI-Gründer entscheiden.“
Rebecca Arcesati, Lead Analystin, MERICS
Read more: Singapore-washing or how Chinese corporates future-proof their global business – Analysis by former MERICS Analyst Aya Adachi
Media coverage and sources:
- Chinese MOFCOM (CN): 商务部召开例行新闻发布会(2026年1月8日)(The Ministry of Commerce held a regular press conference (January 8, 2026) )
- Zaobao (CN): 忧企业效仿“去中国化”路径中国或审查Meta收购Manus交易 (China could review Meta’s acquisition of Manus)
- Sina Finance (CN): Manus被审查 (Manus is investigated)
MERICS China Digest
He Lifeng in Davos: China hat nie einen Handelsüberschuss angestrebt (Reuters)
Nach einem Rekordhandelsüberschuss von USD 1,2 Billionen im Jahr 2025 hat Vizepremier He Lifeng betont, China habe niemals bewusst einen Handelsüberschuss angestrebt. Sein Land sei auch bereit, seinen „riesigen Markt“ zu nutzen und Importe „tatkräftig“ auszuweiten, sagte He am Dienstag auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos. (20.01.2026)
Investitionen entlang „Neuer Seidenstraße“ steigen 2025 auf Rekordniveau
Vorläufige Daten zu Chinas Engagement in den 150 Ländern entlang der „Neuen Seidenstraße“ (BRI) haben im vergangenen Jahr laut einem Bericht des Green Finance and Development Centers an der Fudan-Universität ein Gesamtvolumen von 213,5 Milliarden US-Dollar in Investitionen und Bauaufträgen ausgewiesen. Dies ist ein Anstieg von 73 Prozent gegenüber 2024. Mehr als die Hälfte der Investitionen entfiel auf Afrika und Zentralasien. (18.01.2026)
Xi: China muss Kampf gegen Korruption gewinnen (Reuters)
China müsse im Kampf gegen die Korruption siegen, betonte Partei- und Staatschef Xi Jinping in seiner Rede zum Auftakt einer dreitägigen Plenarsitzung der Zentralen Disziplinarkommission der Kommunistischen Partei, die vom 12. bis 15. Januar in Beijing stattfand. Die oberste Antikorruptionsbehörde des Landes veröffentlichte im Januar neue Zahlen, nach denen 2025 so viele ranghohe Beamte („Tiger”) wie nie zuvor untersucht wurden. Gleichzeitig nimmt Beijing auch niederrangige Beamte („Fliegen”) ins Visier und weitet die Kontrollen auf weitere Sektoren und Branchen aus. (12.01.2026)
Eine kürzlich im staatlichen Fernsehen ausgestrahlte Dokumentation zeigt, wie Ermittler die Bestechung eines ehemaligen wichtigen Beamten der chinesischen Zentralbank aufspürten, der Zahlungen in einer Kryptowährung erhalten hatte. Die Ausstrahlung der CCTV-Dokumentation fiel mit der Jahrestagung der Zentralen Disziplinarkommission zusammen, auf der gefordert wurde, den Druck zur Abschreckung gegen Korruption zu erhöhen. (15.01.2026)
“Bist du tot?“ Die virale chinesische App für junge Menschen, die allein leben (BBC)
Eine App mit dem düsteren Titel „Bist du tot?“ hat China im Sturm erobert. Die Nutzer melden sich alle zwei Tage bei der App, um zu bestätigen, dass sie noch leben. Die im Mai vergangenen Jahres gestartete App ist mittlerweile die meist heruntergeladene kostenpflichtige mobile Anwendung in China. Besonders beliebt ist sie bei jungen, in Städten lebenden Singles. (12.01.2026)
China und EU wollen Streit um Elektrofahrzeugimporte beilegen (AP News)
Die EU rückt von den Zöllen auf chinesische E-Autoimporte ab: Laut einem „Leitfaden” vom 12. Januar sollen chinesische Hersteller Preisangebote abgeben, die einen Mindestimportpreis beinhalten. Diese sollen so bemessen sein, dass sie „die schädlichen Auswirkungen von Subventionierung beseitigen”, so die EU. Das chinesische Handelsministerium bezeichnete die Entwicklung als „förderlich“ für die beiderseitigen Beziehungen und „für die Wahrung der regelbasierten internationalen Handelsordnung“. (12.01.2026)